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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 05.12.2017

Kolumne by Uschi Fellner: look into my life

Ich bringe die Dinge gerne in Ordnung, bevor wir verreisen. Man weiß ja nie.

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look! into my life by Uschi Fellner. © Stefan Joham

In jeder Ehe gibt es Höhen und, sagen wir, Ebenen. Ihr merkt, ich bin der diplomatische Typ. Die nicht sehr hohe Ebene, auf der mein Mann und ich uns zuverlässig häufig begegnen, heißt „Reisevorbereitungen“.  


Ich meine jetzt nicht die Planung. Die klappt immer wie am Schnürchen, nachdem ich alles allein organisiere. Ich rede von den 30 Minuten, bevor wir mit Koffern, Kindern und gelegentlich noch Hunde-Reisekörben das Haus verlassen.
Ich weiß nicht, wie es Euch geht. Aber mich macht das immer nervös. Der Gedanke, in ein Flugzeug einzusteigen und dann einfach weg zu sein. Und eventuell, man weiß ja nie, nicht mehr zurückzukommen. Trübe Aussichten.


Ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch, nur bevor ich verreise, kippt das. Ich mache mir dann seltsame Gedanken. Zum Beispiel um den Inhalt unserer Bestecklade. Man muss sich das in etwa so vorstellen: In 15 Minuten spätestens müssen wir das Haus verlassen, um rechtzeitg am Flughafen zu sein. 14 Minuten, bevor die 15 Minuten vorbei sind (also noch jede Menge Zeit!), ziehe ich zufällig unsere Bestecklade raus und stelle fest: DAS DARF JA WOHL NICHT WAHR SEIN! 
Irgend so ein Dilettant  (WER WAR DAS?) hat wild die Messer, Gabeln und Löffel durcheinandergeworfen. Nicht einmal die Dessertlöffel sind im dafür vorgesehenen Fach, sondern bei den FLEISCHMESSERN.


Beginne verbissen, das Besteck in der Lade zu sortieren. „Wir müssen langsam!“, ruft mein Mann. „Gleich!“, rufe ich zurück. Während ich sortiere, fällt mir auf, dass die Messer fleckig sind. Das ist jetzt aber wirklich blöd.
Bestimmt der Geschirrspüler schuld. Öffne ihn, schraube den Salzbehälter auf. Aha. Wo ist das Salz? In der Lade neben dem Mistbehälter. Ziehe die Lade auf.
DAS DARF JA WOHL NICHT WAHR SEIN! Alles voller Krümel. Vor allem in den hinteren Ecken, da wo keiner hinkommt.


„Wir müssen jetzt!“, ruft mein Mann. Die Kinder stehen schon vor dem Haus und harren der Dinge, die kommen sollen. Ich öffne das Fenster: „Jetzt reicht’s!“, brülle ich. „Das ist ja der totale Saustall hier!“
Die Nachbarin schaut sensationslüstern über den Zaun. Sie sieht bestimmt, was ich auch gerade sehe.
DAS DARF NICHT WAHR SEIN! Küchenfenster! Total verschmiert! Ich schnappe einen Lappen. Vier Minuten hab ich noch.


„Komm endlich!“, brüllt mein Mann. Kein Sensorium für Prioritäten, der Mensch. Draußen hupt hysterisch ein Auto. Regt euch ab. Muss jetzt kurz die Messer putzen und das Küchenfenster …


„Du kommst jetzt sofort mit“, sagt eine eisige Stimme neben mir.
Bitte. Mir ist eh schon alles wurscht. Schweigend sitze ich im Transfer zum Flughafen. Es wird fürchterlich enden. Nachdem wir leider nicht mehr zurückkommen, wird irgendwer das Haus ausräumen müssen. Hoffentlich nicht die Nachbarin. Man wird die fleckigen Messer finden. Und die Schmutzwäsche, die in der Badewanne liegt.


„Sie war eine grauenhafte Hausfrau, aber sonst ganz lieb“, wird in meinem Nachruf stehen. Es hätte alles so gut enden können, hätte ich nur eher die Bestecklade aufgezogen. „Nicht mal das Besteck war bei denen geordnet“, wird man bei den Trauerfeierlichkeiten tuscheln. Also unangenehm ist das schon.


Dann sitzen wir im Flieger. Die Flugbegleiterin lächelt mich an. Ob sie ihre Messer noch geputzt hat? Wahrscheinlich schon. Die hat ihr Leben im Griff. Irgendwann klettern wir dann aus dem Flugzeug und ich blinzle in die Sonne. Und bin wie üblich der einzige Mensch an Bord, der völlig überrascht ist. Leute, keiner außer mir wird merken, was in unserer Bestecklade los ist! Ein berauschendes Gefühl.

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© iStock by Getty Images
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