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Tagebuch aus der Corona-Isolation„Scheiß-Virus!“ Die Gedanken, Gefühle und Erlebnisse von WBB Chefredakteur Hans Steiner

Tagebuch aus der Corona-Isolation | 10.02.2021

Tagebuch aus der Corona-Isolation

Mittwoch, 27. Jänner:

Manuel, mein 16-jähriger jüngerer Sohn rüttelt mich um 6 Uhr morgens aus dem Bett: „Papa, wach auf, mir geht‘s nicht gut! Kannst du mich bitte testen!“ Gesagt. Getan. Der Antigen-Test lässt keinen Zweifel offen. Strich beim T, Strich beim C – wumms! Positiv.

Beim Rest der Familie – Bruder, Gattin und meiner Wenigkeit – zeigt der Antigen-Test negativ. Also der Manuel … Anruf bei 1450, schnelle Auskunft. Wie drei fahren in die Teststraße beim Happel-Stadion. Manuel wartet daheim auf den Veloce-Fahrer, der den Gurgeltest bringt. Zwei Stunden später ist alles erledigt und die „freiwillige Selbstisolation“ mit dem langen Warten auf die Ergebnisse beginnt.

Donnerstag, 28. Jänner:

Um 1 Uhr in der Nacht kommen unsere drei PCR-Testergebnisse: Negativ. Ein gutes Gefühl. Wir sollten zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass das nur eine Momentaufnahme ist, dass zumindest ein Teil von uns schon infiziert ist. Manuel geht es mäßig gut: Er ist sehr müde, hat Kopfweh, leichten Schnupfen. Und: Wenig Geschmackssinn. „Das ist richtig arg“, erzählt er, „einmal schmeck ich was, dann wieder nichts. Da könnte man sich das Essen ja fast sparen.“ Den Schmäh hat er nicht verloren.

Um 16:37 bekommt Manuel die Info von der Ages-Gesundheitsbehörde, dass „Covid nachweisbar“ ist. Rumms! Jetzt haben wir die Gewissheit, dass wir zehn Tage in Quarantäne sind. Die detailierten Anweisungen seitens des städtischen Gesundheitsamtes folgen einen Tag später.

Freitag, 29. Jänner:

Jetzt geht‘ erst richtig los. Auch Rafael, der größere Sohn, zeigt Symptome: Sehr starkes Kopfweh, weniger starker Schnupfen, Halsweh und Husten. Mit dem Geschmackssinn hat er kein Problem, er verdrückt mir nichts, dir nichts fünf Schokopalatschinken.

Was bei Manuel noch keinen Sinn hätte – er schmeckt noch immer nichts. Dafür wird der Kopf langsam klarer und der Schleier auf seinen Augen verschwindet. „He is back“, würde Arni sagen. Es herrscht plötzlicher Optimismus im Hause Steiner.

Samstag, 30. Jänner:

Bis auch der größere Sohn getestet wird, da die Nacht keine Verbesserung gebracht hat: Strich beim T, Strich beim C – Scheiße!! Oder … Eigentlich egal, das geht sich mit der Quarantäne bei beiden gut aus. Womit wir die Wohnung, die zum Glück geräumig ist, zweiteilen: Jedes Kind in seinem Zimmer, das eine Klo mit Waschbecken gehört den C-Positiven. Rauskommen nur mit Maske. Und das Essen wird vor den Zimmern abgestellt. Geht ja.

Sonntag, 31. Jänner:

Eigentlich ein entspannter Tag, Fernsehsport, Heim-Ergometer-Training, Karten spielen. Die jungen Männer leiden still und kommen langsam zu Kräften. Während ihre Symptome besser werden, beginnen bei uns Erwachsenen die ersten: Kopfweh wie Migräne, belegte Nase, leichtes Halskratzen. Komisch – wie eine kleine Grippe! Aber eine Grippe, während die Burschen Corona haben? Hmm.

Montag, 1. Februar:

Die Lage ist entspannt. Im Home-Office an der WIENER-BEZIRKSBLATT-Ausgabe zu arbeiten, ist gar nicht so übel. Das Schlafzimmer wird zum Untertags-Büro, der Bügelladen zum Schreibtisch. Die Anfahrtszeit entfällt und man ist in zehn Schritten mitten im „Wirtshaus“ ums Eck. Es läuft.

Dienstag, 2. Februar:

Den Söhnen geht es besser, beiden! Der Jüngere ist gut aufgelegt, hat gewohnt blöde Sprüche auf Lager und verschweigt sie hinter der Maske auch nicht. Nur der Geschmackssinn, der will noch nicht so recht. Der ältere, 18-jährige Rafael ist noch etwas müder beieinander, aber auch bei ihm ist der Kopf wieder klar und der Schnupfen erträglich. Uns Erwachsenen geht‘s mittelprächtig – noch immer ein bisschen Kopfweh, Schnupfen und Halskratzen. Aber ein oder zwei Vitamin C helfen. Also kann es ja nicht so schlimm sein, glaub ich. Oder bilde mir fest ein …

Mittwoch, 3. Februar:

Denn um 10 Uhr falle ich aus allen Wolken: Da die online bestellten Antigen-Schnelltests gerade geliefert wurden, sage ich fröhlich zu meiner Frau: „Du, machen wir schnell einen Test, damit wir sicher sein können, dass wir negativ sind!“ – „Ja, klar, eine gute Idee!“

Zehn Minuten später der Schock: Strich beim T, Strich beim C – positiv! Zweimal. Wir haben uns also doch infiziert. Und keine Grippe. Eigentlich eh klar! Irgendwie hab ich es ja gespürt. Wir sind zum Corona-Kleeblatt geworden. Unfassbar eigentlich. Also rufen wir die mittlerweile schon vertraute Hotline 1450 an und lassen uns zehn Mal hin- und herverbinden. Mit verschiedenen Auskünften: „Sie sind schon in Quarantäne? Dann brauchen Sie keinen neuen PCR-Test mehr.“ – „Ach, Sie brauchen sicher noch einen PCR-Test, da der Antigen-Test ja offiziell nicht gilt.“ Am Ende, nach zwei Stunden Herumrederei warten wir wieder auf einen Veloce-Boten, der nach weiteren drei Stunden vorbeireitet. Der sehr nette junge Mann heitert uns auf. Und ebenso die Dutzenden SMS, WhatsUp und Anrufe, nachdem ich unseren Wahnsinn per Facebook öffentlich gemacht habe …

Donnerstag, 4. Februar:

Der Morgen nach dem ersten positiven Corona-Test meines Lebens: „Juchuuu, die Sonne scheint, herrlich!“ Was wären die großen Erfolge ohne die kleinen … Und die sind: Kaum Kopfweh, minimales Halskratzen. Nur das Naserl ist noch recht belegt!

Ich freue mich auf einen Home-Office-Tag mit schönen Bezirksgeschichten! Der Vorteil der vierblättrigen Familien-Epidemie: Ich kann den Bügelladen gegen einen echten Holz-Schreibtisch im Kinderzimmer tauschen. Ja, die kleinen Erfolge …

Was es an der Virus-Front sonst Neues gibt? Wenig! Das ist positiv, im guten Sinne. Symptom-mäßig könnten die jungen Herren fast wieder Bäume ausreißen, so schießt die Nach-Virus-Kraft ein. Sagen sie zumindest mit einem smarten Lächeln im Spitzbubengesicht. Naja … Ich bin erleichtert. Die positiven Gefühle werden nicht einmal durch den Umstand getrübt, dass wir immer noch auf die PCR-Testergebnisse inklusive CT-Wert (Grad der Ansteckbarkeit) warten. Gut Ding braucht Weile. Oder so.

Freitag, 5. Februar:

Im Sinne von „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ möchte ich gleich dem letzten Satz des Vortages widersprechen: Die PCR-Testergebnisse sind schnell gekommen, nämlich gestern um 17:45 Uhr, also genau 29 Stunden nach der Abnahme. Bravo! Schön, dass der Ablauf nach einem Jahr Pandemie so gut klappt.

Die PCR-Testergebnisse sind fad und spannend zugleich. Fad, weil einfach nur „positiv“ dort steht. Spannend, weil der CT-Wert als Grad der Ansteckung ausgeworfen wird. Im Spitalsberech ist der CT-Wert die Bibel. Also schau ich mir als rastlos lesender Hobby-Virologe die Daten ein bisschen genauer an. Meine Frau hat 32 = nicht mehr ansteckend. Sohn Rafael hat 27 = noch leicht ansteckend, da der Schwellwert 30 ist. Und bei mir? Ich kann‘s fast nicht glauben, dass hier 20,75 steht! 20 ist massiv ansteckend und bedeutet eine hohe Virenlast. Mein Schwager, den der Corona-Gott schon im Vorjahr bestraft hat, erzählte mir einst, dass die meisten Superspreader um die 25 hätten. Das verblüfft mich. Und macht mich glücklich, dass schwerere Symptome ausbleiben.

Da gibt es einiges zu analysieren! Warum bin ich sieben Tage nach Auftauchen der ersten Symptome beinahe wieder kopfweh- und halskratzenfrei? Und andere sterben fast an dem Virus? Warum nur? Ganz einfach: Der Sport! Ein Königreich für den Sport. Ich habe ihn immer schon geliebt, aber heute mehr denn je. Sport stärkt das Immunsystem, Sport stärkt das Herz, die Lunge und die Organe. Nie wurde mir bewusster, wie wichtig das ist. Ich behaupte mit schlankem 53 Jahren: Sport hat mir das Leben gerettet. Dreimal Training in der Woche (Laufen, Radfahren. Squash, Skifahren, Gymnastik) seit 15 Jahren sind ja nicht nichts. Da sag ich nur: Danke, Herakles, Gott des Sports. Bitte bleib weiter an meiner Seite. Auf deine Freundschaft möchte ich nicht verzichten.

Freitag, 14 Uhr: Bin ich eigentlich schon gesund? Kopf, Nase und Mund fühlen sich fast so an. Trügt der Schein? Ich will es genau wissen und hab uns schnellgetestet. Mein Antigen-Plastik-Rechteck ist eindeutig: Strich beim T, Strich beim C – positiv. Die Tests bei meinem großen Sohn und meiner Frau ebenso – zwei Striche, keine Diskussion. Nur der jüngste Herr Steiner hat‘s überwunden und kommt wieder mit einem Strich weniger durch. Was logisch ist: Seine Ansteckung ist rund zwei Wochen her! Aber er fühlt sich nicht besser oder schlechter als wir. Und das ist auch das unendlich Trügerische, das wirklich Fiese an diesem Scheiß-Corona: Es ist unsichtbar. Es ist unberechenbar. Es kann bei jedem anders ausschlagen. Es ist höllisch! Also, Leute: Bleibt vorsichtig, bleibt wachsam, testet euch regelmäßig und setzt die Maske auf. So lange, bis endlich der erlösende Impf-Anruf kommen möge. Irgendwann dann einmal …

Samstag, 6. Februar:

Es ist und bleibt höllisch, dieses Klumpert. Letzte Nacht wieder erlebt – ganz unerwartet beginnen schwere Krämpfe im Magen. Ein Bauchschneiden mit massivem Durchfluss. Kann sein, dass Virologen oder andere Experten jetzt sagen: Naja, das sind ja keine typischen Corona-Symptome. Theoretisch. Denn dass mein großer Sohn genau die gleichen Krämpfe zwei Tage früher hat, ist sicher kein Zufall. Da verwette ich meine Laufschuhe! Mit den nächtlichen Magenschmerzen zeigt diese Krankheit wieder ihre unberechenbaren Zähne, schießt aus dem Hinderhalt. Aber vielleicht ist es damit gelungen, das Virus rauszuspülen. Schön wär‘s.

Es grummelt im Bauch – inklusive Ärger über den Tiroler Freiheitskampf in den Sozialen Netzwerken. Hand aufs Herz: Das Verhalten der Tiroler seit dem Ausbrechen der Pandemie ist beschämend, manche bezeichnen es als „skandalös“. Was mit ischgler Vertuschung begann, geht jetzt in St. Anton und dem Zillertal mit eingeschleppten Mutationen weiter. Und statt Demut und Zurückhaltung zu üben, höre ich von einigen Tirolern in Wien nur: „Das ist ja unfair! Das ist eine Pauschalierung.“ Bischt a Tiroler, bischt eh voll ursuper. Wobei die Frage unbeantwortet bleibt, warum sie lieber in Wien leben als im gelobten Land! Als Skifan weiß ich jedenfalls: Ich gebe mein Liftgeld in Zukunft in Schladming (Steiermark), in der Flachau (Salzburg) oder in Bad Kleinkirchheim (Kärnten) aus. Man muss wirklich nicht alles akzeptieren.

Sonntag, 7. Februar:

Tag 12 des Enterprise-Logbuchs … Corona-Tagebuchs natürlich. Ich komme mir außerirdisch vor. Jeder macht einen großen Bogen um mich, beäugt mich skeptisch-abwartend. Auch die Nachbarn, die in 2-x-2er-Gruppen in den Vorgärten nächtens zueinanderfinden. Prost! Die häufigste Frage: „Na wie geht‘s dir?“ – „Interessant, dass es euch so gut geht?“ Und man erfährt, dass mittlerweile jeder jemanden kennt, der erkrankt ist. Auch angesichts dieser Plaudereien mit gut drei Meter Abstand bin ich heilfroh, positiv zu sein: Damit steigt die Chance, dass mich das Virus bald am A…. lecken kann. Echt jetzt!

Wobei mein Antigen-Test in der Früh mich noch nicht ganz freisprechen will. Kleines Plastik-Luder. Nach zehn Minuten ist der Strich nur beim C – juchuu! Hmm, zwei Minuten später ist auch beim T ein ganz, ganz zarter Strichhauch zu erkennen. Also doch noch positiv. Auch wurscht. Weniger wurscht ist mir mein Bauch. Immer wieder kehrt das Stechen, das unangenehme Bauchziehen zurück. Das kostet auch Kraft. Und lässt mich erahnen, wie es den Frauen eimmal im Monat so geht. Net leiwand, liebe Damen. Und hoffe, dass warme Kirschkernkissen, g’schmackige Tees und einfaches Nichtstun helfen mögen.

Ein Thema, das mich natürlich beschäftigt, sind die Impfungen. Klar ist: Impfen ist unbedingt nowendig. Jeder, der Gegenteiliges behauptet, ist höchst grenzwertig und sollte zum Arzt gehen. Apropos Arzt: In der wirklich tollen Kardio-Ordi meiner Frau in Mauer (23. Bezirk) wurden die Mitarbeiter schon durchgeimpft. Fazit: Der erste Stich war pipifax, der zweite allerdings kein Lercherlschaß. Fast alle hatten Nachwirkungen – die einen Fieber, die anderen Kreislaufprobleme, jedenfalls aber Schmerzen an der Einstichstelle. Am Ende aushaltbar und harmlos, aber man sollte doch damit rechnen, dass man den zweiten Stich spürt. Zum Abschluss noch eine gute Nachricht: Meine liebe Frau ist wieder negativ getestet. Das Strahlen in ihrem Gesicht spricht Bände …

Montag, 8. Februar:

Neue Woche, neues Glück! Auf das hoffe ich nach den letzten zwei Viruswochen sehr. Die gute Nachricht ist die bessere: Es geht uns gut. Heute, um 10 Uhr an diesem Montag, an dem der harte Lockdown endet, haben sich die Symptome verflüchtigt. Ich fühle mich noch ein bisschen erschöpft und überlege, ob ich schon Bäume ausreißen könnte. Aber der kleinere Sohn arbeitet bereits wieder, der größere hat die Superbowl in der Nacht verkraftet und die Frau checkt herum. Also alles gut. Sohn 1 und Gattin werden ab Mittwoch wieder in die Freiheit entlassen und Arbeit bzw. Schule zu erobern versuchen.

Ob ich sie darum beneide? Naja, Tag 13 der Quarantäne ist jetzt nicht megasuper. Aber aushaltbar. Da ich im Home-Office die aktuelle, fast 300 Seiten dicke WIENER BEZIRKSBLATT-Ausgabe produziere, fällt mir der Alltag leichter. Da hat man seine Ruhe. :-)) Und mit Video- und Telefon-Konferenzen ist es auch gar nicht einsam. Es schaut also gut aus, dass ich bald sagen kann: Ich feiere das größte Comeback seit Lazarus …

Dienstag, 9. Februar:

Ich hab herrlich geschlafen – so tief und fest wie seit zwei Wochen nicht. Das hat einen einfachen Grund: Gestern Abend um 19.30 Uhr war für mich nicht die ZIB wichtig, sondern das C … Ein Strich. Glasklar. Bitte – Danke! Ich bin das erste Mal wieder negativ. N E G A T I V … Ein geiles, ein richtig geiles Gefühl, zurück im Leben zu sein. Mit einem Schlag geht es mir auch mental besser, die Gefühle und Aussichten im Kopf werden positiver. Womit wir beim „Thema danach“ sind: Dem psychischen Faktor. Der ist wahrlich nicht zu unterschätzen. Zu wissen, dass man aussätzig, krank, gefährdend ist, bewirkt im Kopf Stress, Sorge und vielerorts auch Angst. Ich glaube, dass der mentale Effekt der Erkrankung, sei sie auch noch so leicht, immer negative Auswirkungen hat. Die man als Nichtbetroffener, als reiner Beobachter natürlich nicht nachvollziehen kann.

Tag 14 des Logbuchs sagt uns also: Darth Vader geht endgültig über den Jordan! Die fremde Macht ist abgeschüttelt und nur mehr ein C-Strich auf dem Plastik-Kameraden. Und mein Skywalker befindet sich wieder im Vorhirn und schwebt durch das All des Glücks. Umso mehr, als ich mitbekomme, dass es der großen Chris Lohner, ebenfalls in Woche drei der Corona-Erkrankung, offenbar viel schlechter geht. Das tut mir leid für sie, ich wünsche ihr alles Gute. Und nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass ich wirklich nette Anrufe und Nachrichten bekommen habe: Von zwei Bezirksvorstehern, von Firmenchefs, vom Rapid-Generalmanager, von einem heimischen Spitzenkabarettisten, von der ORF-Legende schlechthin, von vielen guten Freunden und sogar aus der burgenländischen Landesregierung. Grandios!! Jeder einzelne Gruß hat mich sehr, sehr gefreut. DANKE dafür.