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Lifestyle | 07.03.2020

Zuhause im Brutalismus

Geometrische Formen, Sichtbeton und überaus monumentale Erscheinung – brutalistische Architektur hinterlässt auf jeden Fall Eindrücke.

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Boston City Hall, Boston, USA. Pläne, das 1963 bis 1968 erbaute Rathaus von Boston abzureißen, wurden im Dezember 2008 wieder aufgegeben. (c) Shutterstock

In den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts entstand und verbreitete sich mit dem Brutalismus ein Architekturstil, der bis heute die Geister scheidet.

Ableitung. Seinen an sich schon sehr eindrucksvollen Namen bezieht der Brutalismus aus dem Französischen. Was im deutschen Sprachraum als roher Beton oder Sichtbeton bezeichnet wird, nennt man hier „béton brut“. Dessen optische Einfachheit, Uniformität und vielfältigen Einsatzmöglichkeiten waren Eigenschaften, die ihn von den bevorzugt verspielten und verschwenderisch opulenten Materialien des Jugendstils und des Art Deco klar abhoben. So wurde Beton zu einem der präferierten Werkstoffe der modernen Architektur.

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Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit, Wien, Österreich. 1974 bis 1976 nach Plänen des Bildhauers Fritz Wotruba erbaut, dient die "Wotrubakirche" auch heute noch als Rektoratskirche der Pfarrkirche Mauer. (c) Shutterstock

Vordenker. Der schweizerisch-französische Architekt und Bildhauer Le Corbusier war schließlich stilprägend für den im Nachhinein als Brutalismus bezeichneten Architekturstil der Nachkriegszeit. Dieser verlangte nach der ästhetischen Überschwänglichkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Neuausrichtung der Aufgaben der Architektur. Bedingt durch die schnellen technologischen Fortschritte der Zeit und dadurch veränderte Lebensgewohnheiten der europäischen Bevölkerung, sah er seine Pflicht in der Erschaffung des Zweckmäßigen, Funktionellen und Wirtschaftlichen.

Formstark. Aus diesem reduzierten Designgedanken heraus entstanden die einfachen, klaren Formen des Brutalismus. Eben jene modernen Materialien ermöglichten die Realisierung dieser Ansprüche überhaupt erst. Die Simplizität der Idee und der Eifer, mit dem die neue Generation an Architekten der Nachkriegszeit diesen technologischen und ästhetischen Paradigmenwechsel aufnahm, kombiniert mit der schlichten Nachfrage nach neuen Bauten im kriegszerstörten Europa sorgten so für eine rasche Verbreitung dieses Gedankens, der erst in den 1980er-Jahren wirklich zu Ende gedacht wurde.

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Spomenik Revolucije Naroda Moslavine, Podgaric, Kroatien. Noch heute erinnert die Skulptur an den Aufstand der ansässigen Bevölkerung gegen die Ustase-Besatzer des Zweiten Weltkriegs. (c) Shutterstock

Ausbreitung. Auf allen Kontinenten waren inzwischen brutalistische Gebäude zu finden. Von Europa ausgehend, fanden sich Architektinnen und Städteplaner auf dem ganzen Globus in der Vision Le Corbusiers wieder. Der massive und festungsartige Charakter machte ihn zu einem gefragten Stil bei Bauten der öffentlichen Hand. Insbesondere in den USA finden sich bis heute zahlreiche Rathäuser und Gerichtsgebäude, die durch ihre raumdominierenden Eigenschaften Stärke und Unerschütterlichkeit ausdrücken sollen. Aber auch in der Sowjetunion, auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, fand der Staat Gefallen an dieser Möglichkeit zur architektonischen Machtdemonstration im Gewand der Praktikabilität. Die berüchtigten sowjetischen Plattenbauten beziehen sich in ihrem trostlosen Fokus auf Einfachheit der Erbauung und der klaren Linie der Effizienzmaximierung eindeutig auf den Brutalismus.

Gedenken. Gerade der monumentale und skulpturale Charakter brutalistischer Architektur war es, der sie, entgegen ihrer ursprünglichen Ausrichtung, wiederum selbst zum dekorativen Objekt machte. Der serbo-kroatische und slowenische Begriff „Spomenik“ (deutsch: Denkmal) hat sich seit der Sowjetzeit zu einem Sammelbegriff für Monumente und Gedenkbauten in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens entwickelt. Diese zeigen ganz klare brutalistische Spuren, werfen aber die einfachen geometrischen Formen der Funktionalität zugunsten von futuristisch-abstrakten Ausgestaltungen gänzlich ab.

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Monument to Korčanica, Grmec, Bosnien und Herzigowina. Dieser Bau markiert die Stelle eines versteckten Partisanenspitals des Zweiten Weltkriegs. (c) Shutterstock

Verfall. Das Ende des auf Zeitlosigkeit gemünzten Brutalismus sollte dann in den 1980er-Jahren doch tatsächlich die Zeit selbst darstellen. Im Technologie- und Bauwahn der 1950er und 1960er wurden Aspekte der langfristigen Haltbarkeit und Änderung von Anforderungen an den eigenen Lebensraum kaum berücksichtigt. Die grauen Betonfassaden, die einst für unbändigen Fortschrittswillen standen, erschienen nun, 30 Jahre später, als kalte und lebensfeindlich sterile Klötze. Auch die Anfälligkeit von Beton für Schmutz, Moos oder andere Zerfallserscheinungen zeigte sich erst nach einiger Zeit. In ästhetischer Hinsicht hatte sich der Geschmack inzwischen ebenfalls diversifiziert, sodass bereits seit den 1970ern eine Rückkehr zu bürgerlicheren Designs anstelle dieses „ästhetischen Vandalismus“ gefordert wurde.

Nachtreten. Mit dem Beginn der 1990er war brutalistische Architektur bei Neubauten kaum mehr vorzufinden. Die Zahl brutalistischer Bauwerke stieg aber nicht weiter an, sie sank sogar rapide. Die grassierende Ablehnung führte dazu, dass Gebäude mit brutalistischen Elementen im Vergleich zu anderen Stilrichtungen öfter abgerissen und ersetzt wurden. Bei einer öffentlichen Wahl, die 2005 im Vereinigten Königreich abgehalten wurde, konnten Bürger Gebäude zum Abriss nominieren. Acht der zwölf „Gewinner“ waren brutalistische Bauten der 1960er-Jahre.

Renaissance. In den letzten Jahren hingegen erlebt der Brutalismus wieder leichten Aufwind. Erneut sind es Fortschritte in der Materialtechnologie, die die Denkweisen von Le Corbusier modern machen. Mit dem historischen Bewusstsein für die Hohezeit der brutalistischen Architektur werden sich die Fehler der Vergangenheit aber hoffentlich nicht wiederholen.