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Lifestyle | 15.06.2020

Keep calm & mask on

Mit Corona ist die Maske zur Alltagsbegleiterin geworden – und wird es weiter sein. Was für uns noch Neuland ist, gehört in vielen asiatischen Großstädten längst zum Alltag.

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(c) Shutterstock

Wer kennt ihn nicht, den Moment, wenn man nach Verlassen des Supermarkts die Maske abnimmt und voller Erleichterung den ersten frischen Atemzug  nimmt. Obwohl ich mittlerweile über ein kleines Repertoire an selbstgenähten Stoffmasken verfüge, greife ich im Zweifelsfall doch lieber zum Schal, und sobald sich mir die Gelegenheit bietet, befreie ich mein Gesicht von seiner Schutzmontur. Beim Gedanken daran, das Ding bei einer Shoppingtour oder einen ganzen Tag im Büro tragen zu müssen, beginnt sich etwas in mir zu sträuben. Und die Vorstellung, im Restaurant von maskierten Unbekannten bedient zu werden, zerstört mein Bild eines gemütlichen Dinners.

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Herz über Kopf. Wie kann es sein, dass diese vielleicht 0,02 Quadratmeter Stoff solches Unbehagen in mir auslösen? Immerhin hilft das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, das Umfeld vor potenziellen Ansteckungen zu schützen, die Verbreitung des Virus zu bremsen und ein Stück weit Normalität zu ermöglichen. Und dennoch empfinde ich sie auch nach Wochen seit Verhängung der Maskenpflicht als, wenn auch akzeptiertes, dennoch aber befremdliches Mittel. Denke ich hingegen daran, mit welcher Selbstverständlichkeit Mundschutze von asiatischen Reisegruppen oder im öffentlichen Leben Tokios, Bangkoks oder Singapurs getragen werden, so beschleicht mich der Gedanke, dass unsere Kultur doch prägender auf mich gewirkt hat, als mir bisher bewusst war.

Maskerade. Rund um den Globus sind Masken seit Jahrhunderten Teil des kulturellen Lebens. Sie lassen die Person hinter ihnen in eine andere Rolle schlüpfen und bringen bestimmte Eigenschaften und Emotionen oft übertrieben zum Ausdruck. Die Art von Masken, die mit Corona präsent geworden sind, bewirken das Gegenteil: Sie verhüllen einen Großteil der Regungen im Gesicht des Gegenübers, glatt und steril. Selbst als Teil der medizinischen Arbeitskleidung kamen solche Masken in Europa erst relativ spät zum Einsatz. Exponate aus medizinhistorischen Museen zeigen, dass bis ins 19. Jahrhundert hinein Operationen ohne Mundschutz durchgeführt wurden. Dass das Verhüllen des von Gesichtspartien bis heute oft als Tabu betrachtet wird, zeigt sich nicht zuletzt in den Debatten um das Vermummungsverbot. Egal um welche Art von Maskierung es sich jedoch handelt, löst sie beim Gegenüber doch unterbewusst die Empfindung aus, die Trägerin oder der Träger hätte etwas zu verbergen – unabhängig davon, wessen Gesicht die Maske verhüllt und aus welchem Grund.

Made in China. Die Menschen in weiten Teilen Asiens haben uns beim Thema MNS-Masken einen großen Schritt voraus. Bereits vor hundert Jahren wurden in der japanischen Bevölkerung Schutzmasken (damals noch wuchtige Drahtgestelle mit Stoffverkleidung aus der Schwerindustrie) gegen die Spanische Grippe getragen. In Folge der Wiederaufforstung des Landes mit Zedern nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Atemschutzmasken gegen Pollen populär und die Epidemien um SARS und MERS sorgten schließlich für exponentielle Anstiege bei der Gesichtsbedeckung.

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Maskentrend. Mittlerweile hat die MNS-Maske besonders in asiatischen Großstädten ihre Rolle der Schutzausrüstung zu rein medizinischen Zwecken abgelegt und wird als alltägliches Accessoire vom Großteil der Menschen getragen. So wird sie etwa als Mittel gegen ungewollte Blicke oder zur Abwehr ungeliebter Unterhaltungen geschätzt. Außerdem lassen sich Pickel oder ein unrasierter Bart genauso gut dahinter verstecken wie Mundgeruch oder einen unhöflichen Gesichtsausdruck. Nicht zuletzt fällt man ohne Maske oft mehr auf als mit und so bedeutet sie für viele Menschen auch ein Gefühl von Sicherheit. Nachdem sich die Masken so großer Beliebtheit erfreuen, haben sich die unterschiedlichsten Kollektionen entwickelt. Das Angebot reicht von Masken mit Pollenfiltern über Varianten, die mit einer speziellen Duftnote versehen wurden, bis hin zu eingebautem Atemluftbefeuchter gegen trockene Umgebungsluft.

Kultur-Clash. Dass die Gesichtsmasken in asiatischen Ländern weitaus populärer sind als hierzulande, liegt nicht etwa an einer kuriosen Neigung asiatischer Großstädterinnen und Großstädter, sondern lässt sich auf unterschiedliche kulturelle Prägungen zurückführen. Nach dem Konzept von Geert Hofstede lassen sich Kulturräume anhand von bestimmten Kulturdimensionen beschreiben und unterscheiden. Hinsichtlich der Maskenfrage sind dabei vor allem die Kriterien Individualismus versus Kollektivismus und die Vermeidung von Unsicherheit relevant. Letztere beschreibt, wie sehr in einer Kultur versucht wird, die Zukunft zu beeinflussen, anstatt sie einfach geschehen zu lassen. Japan beispielsweise weist hier eine sehr starke Ausprägung aus, während der Wert für westliche Länder wie Österreich deutlich niedriger liegt. Dementsprechend zeigt sich die japanische Bevölkerung auch gewillter, mithilfe einer Maske möglichen Ansteckungen oder mimischen Unhöflichkeiten vorzubeugen. Zur Risikoaversion der japanischen Bevölkerung kommt die kollektivistische Orientierung der Kultur, welche die Menschen dazu veranlasst, das Gemeinwohl über die eigene Person zu stellen und sich möglichst rücksichtsvoll zu verhalten. In Kulturen, in denen der Individualismus überwiegt, zählten hingegen vor allem der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und Meinung. Wer sein Gesicht halb hinter einer Maske versteckt, tut sich dabei eher schwer.

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Face to Face. Das Ausmaß an Einschränkung durch eine Maske fällt für uns umso größer aus, da das Gesicht in der westlichen Welt einen wesentlichen Bereich darstellt, um mit der Umwelt in Kontakt zu treten. Auch mimische Ausdrucksweisen unterliegen kulturellen Unterschieden. Während man in Japan darauf bedacht ist, sein Gesicht zu wahren, liegt in westlichen Kulturen oft viel mehr Regung und Emotion im Ausdruck. Unser Gegenüber nimmt diese Signale wahr und deutet damit Stimmungen und Einstellungen. Kommunizieren wir hingegen mit einer MNS-Maske, so geht ein Großteil der Rückmeldung durch ein Lächeln oder ein Naserümpfen hinter dem Stoff verloren, was Verunsicherung und Stress auslösen kann. Hinzu kommt, dass wir möglicherweise das Gefühl haben, dass die Maske unsere Stimme dämpft. Lauteres Sprechen als Resultat klingt oft ärgerlich, ob gewollt oder nicht, was ebenfalls zu Verunsicherung oder Missverständnissen führen kann.

Masken-Knigge. Ein Mundschutz schränkt uns in Face-to-Face-Situationen auf ungewohnte Weise ein. Wenn man sich die Symptome der Maske für die Kommunikation jedoch bewusst macht, so ist es in Zukunft womöglich leichter, mit ihnen umzugehen. Beim Lesen eines Gesichtsausdrucks senden beispielsweise auch die Augenbrauen zwar feine, aber doch aussagekräftige Signale, die selbst eine Maske nicht verdeckt. Was den Tonfall des Gegenübers betrifft, so sollte man nicht allzu streng sein, während man bei sich selbst auf eine besonders freundliche und höfliche Ausdrucksweise bedacht sein sollte. Außerdem können vermehrt verbale Rückmeldungen, wie wir sie beispielsweise auch am Telefon geben, dabei helfen, ein offeneres Verhältnis zu schaffen.

Keep calm and mask on. Zwar bin ich auch nach der Recherche und dem Schreiben dieses Artikels keine Maskenfreundin. Nichtsdestotrotz habe ich aber umso mehr das Gefühl, mit meinem Unmut vielleicht nicht ganz alleine zu sein. Und so ziehe ich weiter meine Schals über Mund und Nase und versuche, das Beste aus der Situation zu machen. Auf das bald wieder unmaskierte Tage kommen mögen!