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People | 17.02.2020

„Schimpfen ist zu wenig“

Job, Familie, Rathaus: Christoph Walser ist an vielen Fronten gefragt. Seit gut einem Jahr ist er als Präsident der Wirtschaftskammer im Amt. Im Interview zieht der Unternehmer Resümee über ein intensives und spannendes Jahr.

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(Foto: Martin Vandory)

Seit November 2018 hat Christoph Walser das Amt des Präsidenten der Tiroler Wirtschaftskammer inne. Daneben sorgen seine Position als Unternehmer und Bürgermeister sowie seine Rolle als Ehemann und Familienvater für einen ausgefüllten Terminkalender. Für die TIROLERIN hat er sich dennoch Zeit genommen – ein Gespräch über die Herausforderung, Karriere und Familienleben zu vereinen.

TIROLERIN: Wie hat sich das erste Jahr als Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer für Sie gestaltet?
Christoph Walser: Schon ziemlich herausfordernd. Man braucht natürlich eine gewisse Zeit, bis man die Abläufe und das ganze System kennenlernt. Es war ein spannendes Jahr. Die Arbeit macht einen Riesenspaß. Mit der Wahl und der neuen Regierung kommen auch weiterhin spannende Zeiten auf uns zu.

Gab es im letzten Jahr ein Projekt in der Wirtschaftskammer, auf das Sie besonders stolz sind?
Was mir von Anfang an besonders wichtig war ist das Thema Lehre. Dazu haben wir in diesem Jahr sehr viel gemacht. „Mei Madl, mei Bua“ war eine tolle Kampagne, die richtig eingeschlagen hat. Ich freue mich auch, dass wir im Oktober den ersten Lehrlingsball in Tirol veranstalten. Daneben war es ein großer Wunsch von mir, dass wir im Haus einen eigenen Lehrlingskoordinator installieren. Mit David Narr haben wir einen Kollegen im Team, der alle Kampagnen und alles, was zum Thema Lehre läuft, koordinieren soll. Seit vielen Jahren sind die Lehrlingszahlen wieder gestiegen. Das bestätigt, dass unsere Kampagnen sowie die von unseren Sozialpartnerinnen und -partnern und vom Land Tirol zielführend sind. Wenn man gemeinsam etwas angeht, hat man am Ende des Tages auch Erfolg. Darauf bin ich besonders stolz.

Warum liegt Ihnen gerade das Thema Lehre so sehr am Herzen?
Erstens, weil ich selbst eine Lehre gemacht habe, und zweitens, weil ich über viele Jahre festgestellt habe, dass die Lehre in der Gesellschaft nicht den Stellenwert hat, der ihr eigentlich zusteht. Es ist ein großes Ziel für uns, dass junge Menschen wieder stolz sind, wenn sie eine Lehre machen. Das ist auch wichtig, um dem akuten Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Auch viele Ausbildungsbetriebe ziehen hier intensiv mit. Wir haben mit dem Thema offensichtlich den richtigen Nerv getroffen und werden das auch verstärkt weiterführen. 

Vor Ihrer Tätigkeit als Präsident der Wirtschaftskammer Tirol bekleideten Sie als Bürgermeister von Thaur bereits ein wichtiges politisches Amt. Hat Sie diese Erfahrung auf Ihre aktuelle Rolle vorbereitet?
Ja, sogar sehr gut. Viele Themen, die ich in der Gemeinde tagtäglich habe, wie zum Beispiel Raumordnung, Kinder- und Altenbetreuung, kommen mir auch als Wirtschaftskammerpräsident zugute. Ich bekomme vor Ort mit, was wirklich passiert. 

 

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(Foto: Martin Vandory)

 

Stichwort „vor Ort“: Sie sind oft in den Bezirken unterwegs. Was bewegt die Unternehmerinnen und Unternehmer in Tirol zurzeit?
Ich habe grundlegend immer gefordert, dass sich die Politik bewegen muss. Deswegen war mir auch wichtig, dass ich als Wirtschaftskammerpräsident nicht Bewegung einfordere, sondern dass ich mich auch selbst bewege. Ich versuche immer, wenn ich unterwegs bin, den Termin mit Betriebsbesuchen zu verbinden. Nur wenn man zunächst die Problematik vor Ort kennenlernt, kann man genau auf diese Punkte reagieren. Von den Firmen werden ganz unterschiedliche Themen angesprochen: der Fachkräftemangel, Betriebsübergaben und Genehmigungen sind immer wieder Punkte, bei denen sich Probleme ergeben. Man muss sich diese vor Ort anschauen, damit man mitreden kann und die Situation kennt. 

Vom Handwerk über Banken bis hin zu Tourismus deckt die Wirtschaftskammer ein breit gefächertes Spektrum an Sparten ab. Wie kann man dieser Vielfalt in der Funktion als Präsident gleichermaßen gerecht werden?
Das ist sicher die größte Herausforderung, dass man allen sieben Sparten und allen 71 Fachgruppen gerecht werden soll, diese zum Teil aber nicht immer die gleichen Positionen haben. Es ist schon so, dass man als Präsident einen Grobüberblick darüber haben sollte, was politisch im Bildungs- und im Servicebereich läuft. Das kann man aber nicht schaffen, wenn man nicht gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haus hat. Und die haben wir. Es ist sehr viel Expertise vorhanden und die muss man als Präsident auch nutzen. Ansonsten ist es kaum möglich, bei Themen, die konträr diskutiert werden, eine Position zu finden, die im Großen und Ganzen für das ganze Haus passt.

Ein Jahr an der Spitze der Wirtschaftskammer – welche Auswirkungen hat so eine verantwortungsvolle Position auf das eigene Privatleben?
Schon eine intensive Auswirkung, weil durch meine Tätigkeit als Unternehmer, Bürgermeister und Wirtschaftskammerpräsident der Zeitfaktor natürlich eine große Rolle spielt. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht auch zu wenig Zeit für meine Familie habe. Das ist nun einmal der negative Effekt aus so vielen Jobs. Wenn ich ein paar Stunden Zeit habe, versuche ich, diese zu nutzen und mit der Familie zu verbringen. Es ist eine große Herausforderung, dass man alles unter einen Hut bringt und nichts auf der Strecke bleibt. 

 

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(Foto: Martin Vandory)

Anfang März stehen erneut die Wirtschaftskammerwahlen an. Warum ist es für die Tiroler Unternehmerinnen und Unternehmer so wichtig, ihre Vertretung mitzugestalten?
Grundlegend ist mir wichtig, dass die Unternehmer ihre eigene Interessenvertretung auch stärken. Die Wirtschaftskammer ist so aufgestellt, dass die Entscheidungen von den Funktionärinnen und Funktionären getroffen werden. Diese sind alle Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich bereit erklären, in der Wirtschaftskammer mitzuarbeiten und sie mitzugestalten. Daher ist es oft w verwunderlich, wenn die Unternehmerinnen und Unternehmer über ihre Interessenvertretung schimpfen. Diesen Gedanken versuche ich, ihnen näherzubringen. Schimpfen und nichts machen ist zu wenig. Man muss mitarbeiten, dann kann man mitdiskutieren. Die Wirtschaftskammer bietet die Möglichkeit, dass sich die Unternehmerinnen und Unternehmer in einer Organisation gegenüber dem Gesetzgeber als Gegenpol darstellen und mitverhandeln können. Wenn uns etwas nicht passt, versuchen wir, das zu ändern. 

Am 1. Februar wird ein weiteres Mal der Ball der Tiroler Wirtschaft gefeiert. Bleibt Ihnen als stets gefragter Gast dort noch Zeit, das Spektakel zu genießen?
Ich glaube, dass der Wirtschafskammerball einer der schönsten Bälle der Ballsaison ist. Man freut sich, ein volles Haus mit über 3.000 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Sport zu haben. Eine gewisse Nervosität ist mit dabei, aber wir haben Top-Mitarbeitende in der Organisation und mittlerweile so viel Erfahrung, dass man mit ruhigem Gewissen zum Ball gehen kann. Der Wirtschaftsball ist ein riesiges Event, bei dem Netzwerken und das Kennenlernen innerhalb der Unternehmerschaft und der Politik im Vordergrund stehen. Solche Veranstaltungen machen auch Spaß.